Bergstiefel im Test

Bergstiefel im Test 2012: Welcher Schuh ist der beste Allrounder?


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Wandern, Bergsteigen, Klettersteiggehen, Kraxeln und Alpintrekking - für all das sollte sich ein guter Bergschuh eignen. Doch welcher ist gut? Das klärt der aktuelle outdoor-Test.
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Wandern boomt. Und das nicht nur im Mittelgebirge. Auch die Alpen locken immer mehr Wanderer. So waren im vergangenen Jahr allein im beschaulichen Allgäu knapp drei Millionen Urlauber unterwegs – ein Plus von über neun Prozent gegenüber 2010. Besonders der Anteil ambitionierter Bergtouristen ist stark gewachsen. Sie wollen nicht einfach nur zur nächsten Hütte kommen, sondern meist noch weitersteigen: auf schroffe Gipfel, über luftige Höhenwege und abenteuerliche Klettersteige.

Oft erweist sich jedoch das Schuhwerk für solche ehrgeizigen Vorhaben als ungeeignet, wie ein Blick in die Unfallstatistik der Alpen zeigt: mit sechzig Prozent häufigste Ursache ist das Stolpern, Umknicken und Ausrutschen - häufig ausgelöst durch unpassende Schuhe. "Viele Modelle sind für die Alpen deutlich zu weich und damit einfach ungeeignet", sagt auch Bergführer­profi Patrick Jost, dessen Hindelanger Bergschule jedes Jahr unzählige Gäste über Klettersteige und auf Gipfel führt.

Doch welchen Schuh soll man sich für Alpintouren anziehen? Gibt es überhaupt einen Bergstiefel, der die vielfältigen Disziplinen abdeckt, oder braucht es für jede Aktivität – Wandern, Kraxeln, Trekking, Klettersteiggehen und Bergsteigen – ein ganz spezielles Modell? Das wollte outdoor wissen und hat sich für den Test acht recht unterschiedliche, aber sehr aussichtsreiche Kandidaten herausgepickt.

 

Foto: Ben Wiesenfarth In guten Bergstiefeln merkt man, worauf man steht - das erhöht die Trittsicherheit.

Ein buntes Testfeld

Alle Bergstiefel sind mit einer wasserdichten Gore-Tex-Membran versehen, kosten zwischen 180 und 360 Euro, wiegen zwischen 1200 und 1720 Gramm und sollen mit einem breiten Leistungsspektrum überzeugen. Das Rüstzeug dafür haben sie: einen hohen Schaft, der die Gelenke vor Verletzungen bewahrt, eine verwindungsfeste Profilsohle und eine weit nach vorne reichende Schnürung, um den Schuh bestmöglich anzupassen.

Um ihre Einsatzbreite auch auf leichte Gletscherpassagen auszudehnen, besitzen drei Bergstiefel-Modelle sogar eine Kipphebelaufnahme für Halbautomatik-Steigeisen: La Sportiva Trango Guide, Scarpa Rebel und der Verto S4K von The North Face. An allen anderen Modellen lassen sich nur Körbchensteigeisen befestigen - zum Gletscherwandern völlig ausreichend. Für steile Eiswände oder knackige 4000er sind die acht Modelle ohnehin nicht ausgelegt, dafür gibt es stabilere. Das Herz der Teststiefel schlägt vor allem unter 4000 Meter Höhe.

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Die Anforderungen an den perfekten Bergschuh

Um beim Wandern, Trekking und Bergsteigen gleichermaßen zu überzeugen, müssen die Schuhe fast gegensätzliche Anforderungen erfüllen: Zählen beim Wandern vor allem ein weicher, flexibler Schaft, eine starke Dämpfung und eine sanft abrollende Sohle, sieht es am Fels anders aus: "Hier ist eine steife Sohle gut. Damit steht man besser auf kleinen Felsabsätzen und kann beim Queren eines Schneefelds Stufen treten", erklärt Testredakteur Frank Wacker. Und der Schaft? Ist er zu soft, fehlt der Seitenhalt, der vor allem dann gebraucht wird, wenn man mit schwerem Rucksack oder müden Gliedern über Stein- und Wurzelwege stolpert. Ist er aber zu fest, fehlt die Flexibilität im Gelenk, die auf Klettersteigen und beim Kraxeln mehr Kreativität bei der Wahl des Trittes erlaubt.

So vielfältig die Anforderungen an den perfekten Bergschuh, so umfangreich fällt auch das Testprocedere aus: Es beinhaltet flotte Tagestouren auf der Schwäbischen Alb, Mehrtagestouren mit Zelt durch die Cottischen Alpen, Klettern in den Dolomiten und Klettersteiggehen im Wettersteingebirge. Acht Wochen war das siebenköpfige Testteam mit den Schuhen im Einsatz – teils geschlossen, teils auf eigene Faust. Parallel kamen alle Prüflinge nach Feldkirchen ins Gore-Labor. Hier messen künstliche Schwitzfüße Klimakomfort und Zentrifugen Wasserdichtigkeit. "250 Umdrehungen schafft die Zentrifuge pro Minute", sagt Jürgen Kurapkat von Gore. Vor dem Schleudergang hat er die Schuhe auf Löschpapier gestellt und mit Wasser befüllt. Das Wasser drückt durch die Fliehkraft mit 80 Kilo in den Schuh. Leckt er, gibt es einen großen Fleck auf dem Löschpapier.

Den Labortest überstehen alle Testkandidaten gleichermaßen. Sie halten im Regen oder Pappschnee die Füße dauerhaft trocken. Außerdem lassen sie so viel Dampf entweichen, dass man selbst bei warmem Wetter nicht im eigenen Schweiß schwimmt.

Wie sich die Bergstiefel in der Praxis schlugen, lesen Sie auf Seite 2


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20.09.2012
Autor: Boris Gnielka
© Outdoor
Ausgabe 09/2012